Wie viele Kinder haben Lese-Schwäche? (40 Statistiken)
Je nach Definition haben zwischen 3,8 und 6,5 Prozent der Kinder in Deutschland eine Lesestörung und zwischen 5,2 und 6,7 Prozent eine Rechtschreibstörung. In einer Grundschulklasse sitzen damit im Schnitt ein bis zwei betroffene Kinder. Ein Viertel aller Viertklässler erreicht nicht das mittlere Lesekompetenzniveau.
Alles Wichtige auf einen Blick
- 3,8 bis 6,5 Prozent der Kinder haben eine isolierte Lesestörung.
- 5,2 bis 6,7 Prozent haben eine Rechtschreibstörung.
- 1,8 bis 3,7 Prozent sind von beidem betroffen.
- 20 bis 40 Prozent der betroffenen Kinder zeigen psychische Auffälligkeiten.
- 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland sind gering literalisiert.
- Das sind 12,1 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung.
- Viertklässler erreichten 2021 im Lesen 524 Punkte, 2016 waren es 537.
- 25 Prozent von ihnen bleiben unter dem mittleren Kompetenzniveau.
- Polen, Tschechien und Dänemark liegen im Lesen vor Deutschland.
- 18,8 Prozent der Neuntklässler verfehlen den Mindeststandard im Lesen.
- 30 Prozent verfehlen ihn in der Orthografie.
- Zwischen Sachsen (12,9 Prozent) und Bremen (31,0 Prozent) liegen 18 Punkte.
- Bei PISA 2022 erreichte Deutschland 480 Punkte, 18 weniger als 2018.
- 26 Prozent der 15-Jährigen gelten im Lesen als leistungsschwach.
- 32,3 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern selten oder nie vor.
Lese-Rechtschreib-Schwäche, Legasthenie, LRS: Die Begriffe werden durcheinander verwendet, und mit ihnen die Zahlen. Je nach Definition und Diagnosekriterium schwanken die Angaben zur Häufigkeit zwischen unter vier und über 17 Prozent. Wir haben 40 belastbare Zahlen aus der Leitlinienarbeit der Fachgesellschaften, aus IGLU, dem IQB-Bildungstrend, PISA und der LEO-Studie zusammengetragen und jede mit Quelle belegt.
Wie häufig LRS ist
1. 3,8 bis 6,5 Prozent der Kinder haben eine isolierte Lesestörung
Die Spanne ergibt sich aus unterschiedlichen Erhebungen und Grenzwerten.1
2. Nach ICD-11-Kriterien wären es 5 bis 17 Prozent
Die neue Klassifikation verzichtet auf das frühere Intelligenzkriterium. Allein diese Änderung verdreifacht die mögliche Prävalenz.2
3. 5,2 bis 6,7 Prozent haben eine isolierte Rechtschreibstörung
Rechtschreibprobleme sind damit etwas häufiger als reine Leseprobleme.3
4. Nach ICD-11 wären es 7 bis 15 Prozent
Auch hier verschiebt die Definition das Ergebnis erheblich.4
5. 1,8 bis 3,7 Prozent haben beides zugleich
Die kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung ist die Form, die im Alltag meist als Legasthenie bezeichnet wird.5
6. 20 bis 40 Prozent der betroffenen Kinder zeigen psychische Auffälligkeiten
Angst, Schulunlust und depressive Symptome treten deutlich häufiger auf als bei Gleichaltrigen. Die Folgen einer LRS reichen also weit über die Schrift hinaus.6
7. Jungen sind häufiger betroffen, das Verhältnis 3:1 gilt als überschätzt
Es beruht auf klinischen Stichproben. In Bevölkerungsstichproben fällt der Unterschied deutlich kleiner aus, Mädchen werden schlicht seltener vorgestellt.7
Lesen und Schreiben bei Erwachsenen
8. 4,3 bis 6,4 Prozent der Erwachsenen lesen unter Viertklässlerniveau
Sie haben die Grundschule verlassen, ohne sicher lesen zu lernen, und holen das oft nie nach.8
9. 6,2 Millionen Erwachsene sind gering literalisiert
Sie können einzelne Sätze lesen und schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte.9
10. Das entspricht 12,1 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung
Also etwa jeder Achte zwischen 18 und 64 Jahren.10
11. 2010 waren es noch 7,5 Millionen oder 14,5 Prozent
Der Anteil ist gesunken, die absolute Zahl bleibt hoch.11
12. Männer sind mit 17,4 Prozent häufiger betroffen als Frauen mit 11,6 Prozent
Der Abstand ist bei Erwachsenen deutlich größer als bei Kindern.12
13. Die Erhebung befragte 8.436 Menschen
Die LEO-Studie der Universität Hamburg ist die größte Untersuchung zur Lese- und Schreibkompetenz Erwachsener in Deutschland.13
Lesekompetenz in der Grundschule
14. Viertklässler erreichten 2021 im Lesen 524 Punkte
Deutschland liegt damit im internationalen Mittelfeld.14
15. 2001 waren es 539, 2006 sogar 548 Punkte
Der Verlauf lautet 539, 548, 541, 537, 524. Der Rückgang setzte also lange vor der Pandemie ein.15
16. 25 Prozent erreichen nur Kompetenzstufe I oder II
Jedes vierte Kind kann am Ende der Grundschulzeit nicht sinnentnehmend lesen.16
17. Polen liegt mit 549 Punkten deutlich vor Deutschland
Der Abstand entspricht rund einem Lernjahr.17
18. Tschechien erreicht 540, Dänemark 539 Punkte
Auch die direkten Nachbarn liegen vorn.18
19. Frankreich liegt mit 514 Punkten hinter Deutschland
Deutschland ist im europäischen Vergleich also weder Spitze noch Schlusslicht.19
20. Mädchen erreichen 532 Punkte, Jungen 516
Der Geschlechterunterschied ist stabil über alle Erhebungsrunden hinweg.20
21. 31 Prozent der Jungen zählen zu den schwachen Lesern, aber nur 23 Prozent der Mädchen
Der Unterschied schlägt vor allem am unteren Rand der Verteilung durch.21
22. Kinder mit Zuwanderungshintergrund erreichen 495 statt 539 Punkte
Ihr Risiko, zur schwachen Lesegruppe zu gehören, ist etwa doppelt so hoch.22
23. Ihr Anteil stieg von 27,4 auf 36,9 Prozent
Die Zusammensetzung der Grundschulklassen hat sich in zwei Jahrzehnten deutlich verändert.23
24. Der Anteil der Kinder mit über 100 Büchern zu Hause sank von 32 auf 29 Prozent
Die häusliche Leseumgebung ist einer der stärksten Prädiktoren für Lesekompetenz.24
Lesekompetenz in der Sekundarstufe
25. 18,8 Prozent der Neuntklässler verfehlen den Mindeststandard im Lesen
Fast jeder Fünfte erreicht damit nicht das, was für einen mittleren Schulabschluss vorausgesetzt wird.25
26. Beim Zuhören sind es 18 Prozent
Auch das Verstehen gesprochener Texte gelingt vielen nicht.26
27. In der Orthografie verfehlen 30 Prozent den Mindeststandard
Rechtschreibung ist der Bereich mit den schwächsten Ergebnissen überhaupt.27
28. In Mathematik sind es 22 Prozent
Der Rückgang betrifft also nicht nur die Sprache.28
29. Der Lesewert fiel von 500 über 493 auf 471 Punkte
Zwischen 2011 und 2021 gingen 29 Punkte verloren.29
30. Das entspricht einem Rückstand von rund einem Drittel Schuljahr
So übersetzen die Autoren des Bildungstrends den Punktverlust in Lernzeit.30
31. Die Spannweite reicht von 12,9 Prozent in Sachsen bis 31,0 Prozent in Bremen
In Bremen verfehlt fast jeder dritte Neuntklässler den Mindeststandard im Lesen, in Sachsen jeder achte.31
32. 26.844 Schüler aus 1.464 Schulen wurden getestet
Der IQB-Bildungstrend ist damit die größte deutsche Schulleistungsstudie.32
Der internationale Vergleich
33. Deutschland erreichte bei PISA 2022 im Lesen 480 Punkte
Der OECD-Durchschnitt lag bei 476 Punkten.33
34. Das sind 18 Punkte weniger als 2018
Der Rückgang ist einer der stärksten in der Geschichte der deutschen PISA-Teilnahme.34
35. 26 Prozent der 15-Jährigen gelten als leistungsschwach
Sie erreichen nicht einmal die zweite von sechs Kompetenzstufen.35
36. Nur 8 Prozent gehören zur Spitzengruppe
Auf einen sehr starken Leser kommen damit gut drei sehr schwache.36
37. Mädchen liegen 20 Punkte vor den Jungen
Der Vorsprung entspricht etwa einem halben Lernjahr.37
Was nachweislich hilft
38. 32,3 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern selten oder nie vor
67,7 Prozent tun es mehrmals pro Woche. Vorlesen ist die einfachste und wirksamste Leseförderung, die es gibt.38
39. 74 Prozent der Eltern, denen selbst vorgelesen wurde, lesen ihren Kindern vor
Leseförderung wirkt also über Generationen, in beide Richtungen.39
40. Ein Leseband von 20 Minuten täglich wurde von 96,9 Prozent der Schulen befürwortet
Schleswig-Holstein erprobte das feste tägliche Lesen an 30 Grundschulen. Die Zustimmung der beteiligten Lehrkräfte war nahezu einhellig.40
Was sich aus den Zahlen ablesen lässt
Die Prävalenz von LRS ist keine feste Größe, sondern hängt stark davon ab, wo man die Grenze zieht. Unabhängig davon zeigt jede Erhebung dasselbe Muster: Rund ein Viertel der Kinder liest am Ende der Grundschule nicht sicher, und die Unterschiede zwischen Bundesländern und Elternhäusern sind größer als alles andere.
Was zu Hause hilft, ist unspektakulär: gemeinsam lesen, laut lesen, Reime und Verse, weil sie Sprache hörbar strukturieren. Wer dafür einen eigenen Text braucht, kann sich auf gedichterstellen.de kostenlos ein Gedicht erstellen lassen, zum Beispiel ein Geburtstagsgedicht oder ein Gedicht für die Oma, und es mit dem Kind zusammen vorlesen.
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Häufige Fragen
Wie viele Kinder in Deutschland haben LRS?
Je nach Definition 3,8 bis 6,5 Prozent für eine isolierte Lesestörung und 5,2 bis 6,7 Prozent für eine isolierte Rechtschreibstörung. 1,8 bis 3,7 Prozent haben beides zugleich. Nach den weiteren ICD-11-Kriterien liegen die Werte deutlich höher, bei 5 bis 17 Prozent.
Was ist der Unterschied zwischen LRS und Legasthenie?
Fachlich unterscheidet die Klassifikation zwischen einer Lesestörung (ICD-10 F81.0) und einer Rechtschreibstörung (F81.1). Als Legasthenie wird umgangssprachlich meist die kombinierte Form bezeichnet. Ein wesentlicher Unterschied zwischen ICD-10 und ICD-11 ist, dass das frühere Intelligenzkriterium entfällt.
Sind Jungen häufiger von LRS betroffen als Mädchen?
Ja, aber das oft genannte Verhältnis von 3:1 gilt als überschätzt, weil es auf klinischen Stichproben beruht. In Bevölkerungsstichproben ist der Unterschied kleiner. Bei der Lesekompetenz der Viertklässler liegen Mädchen mit 532 zu 516 Punkten vorn.
Wie gut lesen deutsche Grundschulkinder im internationalen Vergleich?
Deutschland erreichte bei IGLU 2021 524 Punkte und liegt damit im Mittelfeld. Polen kommt auf 549, Tschechien auf 540 und Dänemark auf 539 Punkte, Frankreich auf 514. 25 Prozent der deutschen Viertklässler erreichen nur Kompetenzstufe I oder II.
Wie viele Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen?
6,2 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren sind gering literalisiert, das sind 12,1 Prozent. 2010 waren es noch 7,5 Millionen oder 14,5 Prozent. Männer sind mit 17,4 Prozent häufiger betroffen als Frauen mit 11,6 Prozent.
Was hilft Kindern beim Lesenlernen?
Regelmäßiges Vorlesen und tägliche feste Lesezeit. 67,7 Prozent der Eltern lesen mehrmals pro Woche vor, 32,3 Prozent selten oder nie. Ein tägliches Leseband von 20 Minuten wurde in einem Schulversuch in Schleswig-Holstein von 96,9 Prozent der beteiligten Schulen befürwortet.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dgkjp.de)
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (bvl-legasthenie.de)
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (bvl-legasthenie.de)
- LEO-Studie 2018, Universität Hamburg (leo.blogs.uni-hamburg.de)
- LEO-Studie 2018, Universität Hamburg (leo.blogs.uni-hamburg.de)
- LEO-Studie 2010, Universität Hamburg (leo.blogs.uni-hamburg.de)
- LEO-Studie, Universität Hamburg (leo.blogs.uni-hamburg.de)
- LEO-Studie, Universität Hamburg (leo.blogs.uni-hamburg.de)
- IGLU 2021, Institut für Schulentwicklungsforschung (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IGLU 2021 (pedocs.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- Kultusministerkonferenz (kmk.org)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- IQB-Bildungstrend 2021 (iqb.hu-berlin.de)
- Kultusministerkonferenz, PISA 2022 (kmk.org)
- Kultusministerkonferenz, PISA 2022 (kmk.org)
- Kultusministerkonferenz, PISA 2022 (kmk.org)
- Kultusministerkonferenz, PISA 2022 (kmk.org)
- Kultusministerkonferenz, PISA 2022 (kmk.org)
- Stiftung Lesen, Vorlesemonitor 2024 (stiftunglesen.de)
- Stiftung Lesen, Vorlesemonitor 2024 (stiftunglesen.de)
- Bildungsministerium Schleswig-Holstein (schleswig-holstein.de)
Henrike Vollmer